Der „Dialogue de sourds“ in Familie und Business

Wenn im Gespräch die Ohren auf Durchzug schalten.

Es ist eine Szene, die sich täglich in Besprechungsräumen von Unternehmen, aber auch an den Küchentischen von Familien abspielt: Ein Konflikt flammt auf. Die Argumente werden lauter, die Gestik intensiver. Doch wer die Situation mit psychologischer Distanz beobachtet, bemerkt schnell ein faszinierendes wie ernüchterndes Phänomen: Hier findet kein Austausch statt. Es werden zwei parallele Monologe geführt. Jeder Beteiligte ist so tief in seiner eigenen Argumentation, seinen Verletzungen oder Zielen gefangen, dass für die Realität des Gegenübers kein Millimeter Platz bleibt.
Im Französischen existiert für diesen Zustand ein bezeichnender Begriff: Dialogue de sourds – der Dialog der Gehörlosen.
Man redet miteinander, aber man hört einander nicht mehr zu. Stattdessen versucht man, dem anderen die eigene Geschichte aufzuzwingen. Als psychologischer Berater begegnet mir dieses Muster regelmäßig. Und auch in meiner 30-jährigen Praxis als geschäftsführender Gesellschafter eines Handelsunternehmens habe ich oft erlebt, wie dieser Zustand den Erfolg von Projekten oder gar ganze Betriebsübergaben blockieren kann.
Doch warum verhalten wir uns so? Warum schalten wir in Konflikten so oft auf „Durchzug“, obwohl wir den Konsens suchen? Die Wissenschaft liefert darauf präzise Antworten.

Die Psychologie hinter der Blockade: Warum das Gehirn weghört

Dass wir in emotional geladenen Situationen unfähig werden, dem anderen zuzuhören, ist kein reines Fehlverhalten – es ist eine tief verankerte neurobiologische und psychologische Reaktion. Sobald wir uns in einem Gespräch angegriffen, missverstanden oder ungerecht behandelt fühlen, schaltet unser Gehirn evolutionär bedingt auf den Verteidigungsmodus.
In der Kommunikationspsychologie und Kognitionsforschung lassen sich dabei vor allem zwei Mechanismen beobachten:

Das zweite Axiom nach Paul Watzlawick und die Beziehungs-Ebene

Der berühmte Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick stellte fest: „Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt, wobei Letzterer den Ersteren bestimmt.“
Im Dialogue de sourds bricht genau diese Statik zusammen. Auf der Inhaltsebene wird scheinbar über eine Sache diskutiert (z. B. die Neuausrichtung einer Abteilung oder im Privaten der Besuch bei den Schwiegereltern). Auf der Beziehungsebene geht es jedoch längst um Macht, Anerkennung oder Angst vor Kontrollverlust. Solange die Störung auf der Beziehungsebene nicht gelöst ist, bleibt das Gehirn für rationale Sachargumente des anderen komplett blockiert.

Die Bestätigungstendenz (Confirmation Bias) und selektive Wahrnehmung

Unser Gehirn liebt Rechtbehalten, denn das spart kognitive Energie. Unter Stress greift der sogenannte Confirmation Bias. Wir filtern die Umwelt extrem selektiv. Das bedeutet konkret: Während das Gegenüber spricht, hören wir ihm nicht zu, um ihn zu verstehen. Wir hören ihm nur zu, um nach logischen Lücken oder Angriffsflächen in seiner Argumentation zu suchen, die unsere eigene Sichtweise stützen. Wir sammeln Beweise für unsere eigene Richtigkeit und werden biologisch gesehen temporär taub für die Realität des anderen.

Die fatalen Folgen im Business- und Privatkontext

Obwohl die psychologischen Mechanismen dieselben sind, äußert sich der Dialogue de sourds in unterschiedlichen Lebensbereichen auf eigene Weise:

  • Im Familienunternehmen (Der Generationswechsel): Hier ist die emotionale Sprengkraft besonders hoch. Wenn die Gründergeneration davon spricht, was sie jahrzehntelang mühsam aufgebaut hat, und die Nachfolgegeneration im selben Moment fordert, dass sich Prozesse dringend digitalisieren müssen, reden beide aneinander vorbei. Der Gründer hört „Deine Lebensleistung ist veraltet“, der Nachfolger hört „Ich vertraue dir nichts zu“. Ein klassischer Dialog der Gehörlosen, der oft nicht an Sachfragen scheitert, sondern an ungehörten Emotionen.
  • Bei Spannungen im Team: Wenn Abteilungen (z. B. Vertrieb und Buchhaltung) gegeneinander arbeiten, sieht jede Seite nur den eigenen Aufwand. Meetings mutieren zu Schuldzuweisungen. Man redet übereinander oder aneinander vorbei, aber nicht mehr miteinander.
  • Im privaten Alltag: In der Partnerschaft führt das Muster oft zu den immer gleichen, repetitiven Streits, bei denen nach fünf Minuten niemand mehr weiß, worum es eigentlich ging – weil nur noch alte Verletzungen reinszeniert werden.

Wie man den Teufelskreis durchbricht: Vom Senden zum Empfangen

Ein Dialogue de sourds löst keine Probleme, er vertieft Gräben und kostet im schlimmsten Fall Unternehmen viel Geld und Familien den inneren Frieden. Den Kreislauf zu durchbrechen erfordert Mut und die Bereitschaft, das eigene Ego kurz zurückzustellen.
1. Die Metakommunikation (Das Muster benennen): Der erste Schritt ist, das Muster zu durchbrechen, indem man es ausspricht. Ein Satz wie: „Ich habe das Gefühl, wir führen gerade einen Dialog der Gehörlosen. Jeder von uns erklärt nur noch seinen Standpunkt. Wollen wir kurz innehalten?“ kann Wunder wirken.
2. Aktives Zuhören und Paraphrasieren: Bevor Sie antworten, spiegeln Sie das Gehörte wider. „Ich möchte kurz überprüfen, ob ich dich richtig verstanden habe: Dir ist bei diesem Projekt wichtig, dass…“ Erst wenn das Gegenüber signalisiert, dass es sich verstanden fühlt, senkt sich dessen psychologischer Verteidigungsmodus – und die Ohren öffnen sich wieder für Ihre Argumente.
3. Die allparteiliche Moderation: Wenn die Fronten zu verhärtet sind, gelingt der Ausstieg aus dem Monolog oft nicht mehr aus eigener Kraft. Hier hilft der Blick und die Struktur einer neutralen, externen Person.
Als psychologischer Berater sehe ich meine Aufgabe genau darin: Ich ergreife für keine Seite Partei, sondern sorge dafür, dass der „Ton“ zwischen den Parteien wieder so eingestellt wird, dass aus zwei isolierten Monologen wieder ein echter, wertschöpfender Dialog entsteht.

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